copyright by Gerlinde F. Bauer, Oberviechtach

aufgenommen im Kurpark Kreuth 2007

Kein Abschied ist endgültig

 

Wieder einmal sitzt die alte Anna auf ihrer Bank am Waldsee. Zeit spielt für sie schon lange keine Rolle mehr. Nein, nicht mehr seit Rudolf von ihr gegangen ist. Mit ihren müden Augen sucht sie auf der Lehne der Bank nach. Ja, das ist es, das Herz, das ihr Rudolf in die Bank geschnitzt hatte. "Für immer und ewig, Rudolf und Anna“  - 55 Jahre ist das jetzt her.

 

Die 80-jährige Anna schließt die Augen und versucht wieder einmal sich zu erinnern. Es ist ja auch ihre einzige Beschäftigung. Den großen Haushalt führt mittlerweile ihre Enkeltochter perfekt und der Enkelsohn hat das große Gut übernommen.

 

Anna erinnert sich an die Zeit der erblühenden Liebe zu Rudolf. Sie war schon 25 Jahre, als sie ihn kennen lernte. Er kam damals zur Sommerfrische in ihr kleines Dorf. Er war lange krank gewesen und sollte sich nun endgültig erholen. Hier an diesem Waldsee hatten sie sich zum ersten Mal in die Augen geschaut und die Liebe hatte sofort wie ein Blitz eingeschlagen.

 

Anna holte sich die Szene von damals deutlicher heran. Es war ein sehr heißer Tag gewesen und alle waren am See zum Baden. Als sie prustend aus dem Wasser heraus wollte, stand ihr auf einmal Rudolf gegenüber. Sie schauten sich beide nur an. Keiner sprach ein Wort und doch wussten es beide sofort. Sie gehören zusammen.

 

Ja, denkt sie so vor sich hin. So war das damals. Einfach und klar. Natürlich dauerte es seine Zeit, bis sich Rudolf erklärte. Schließlich war es nicht einfach für ihn. Er kam aus einem einfachen Haus und sie war die Gutstochter. Aber Rudolf überzeugte auch ihre Eltern durch seine ehrliche und anständige Art. Der Gedanke, dass er ein Erbschleicher sein könnte, war schnell abgetan. Vor allem, nachdem alle sahen, wie sehr er doch mit zupackte. Er scheute wirklich keine Arbeit und hatte vor allem einen großen Pferdeverstand. So übernahm er auch gleich nach der Hochzeit die Pferdezucht.

 

Bald waren zwei Kinder geboren und die Familie war komplett. Anna und Rudolf mussten immer viel arbeiten, aber sie führten ein glückliches Leben. Sie hatten beide die Gabe, sich auch an den kleinen Dingen des Lebens zu freuen.

 

Rudolf ist vor zwei Jahren gestorben. Aber in Annas Herzen lebt er weiter. Immer, wenn sie auf der Bank an ihrem Waldsee sitzt, spricht Anna mit Rudolf. Und Anna ist sich sicher, dass er ihr zuhört und auch antwortet. Und deshalb weiß Anna, dass sie sich nie ganz von Rudolf verabschieden muss.


aufgenommen auf der Insel Mainau



           Begegnung mit dem Glück




Es war einmal ein Mensch, der sich im Großen und Ganzen vom Glück verlassen fühlte. Alle Versuche es wieder zu erlangen, scheiterten in seinen Augen. Vermutlich hatte er einfach verlernt zu erkennen, wenn ihm das Glück begegnete oder aber er schaute und suchte nur nach dem großen, fantastischen Glück und übersah das kleine Glück.

Der Mensch bettelte um das Glück, er versuchte es zu erzwingen und am Schluss sogar es sich zu erkaufen, indem er sich bei einer dubiosen Akademie für das Erreichen von Glück anmeldete. Aber das Gegenteil trat ein. Er wurde immer unglücklicher und immer mehr lief schief in seinem Leben.

Als er schließlich innerlich ausgebrannt, äußerlich abgebrannt, am Ende seiner Kräfte den Weg nach Hause antrat, lieft ihm ein kleiner Mann, fast ein Zwerg, mit einem Riesenbuckel und einer sehr großen Nase über den Weg.

Unser Mensch war keiner der schadenfrohen Sorte und so empfand er trotz seiner Lage Mitleid mit dem kleinen Mann und wunderte sich sogleich, dass dieser trotzdem so ungezwungen auftrat und ein fröhliches Lied sang.

Er sprach ihn an: "Sag mir kleiner Mann, wie kommt es dass du so fröhlich bist, wo ich doch Mitleid für dich empfinde?" Und der kleine Mann antwortete: "Du brauchst kein Mitleid mit mir haben. Denn schau, wenn ich nur eine große Nase hätte müsste ich ständig vornüber gebeugt gehen. Und hätte ich nur einen Buckel, würde es mich immer nach hinten ziehen. Da ich aber Beides habe, kann ich aufrecht durch das Leben gehen und das macht mich froh!"

Diese Begegnung beeindruckte unseren Menschen dermaßen tief, dass er plötzlich wieder den Sonnenschein, das Vogelgezwitscher, den Regenbogen nach einem heftigen Regenschauer und alle Kleinigkeiten wahrnahm, die einen Menschen glücklich machen können.

geschrieben 2008 zum Stichwort Glück


aufgenommen im Hafen von Piombino

Mein schönster Urlaub


Es war an der Zeit, meinen Urlaub zu buchen. Leider konnte ich mich wieder mal überhaupt nicht entscheiden und so erinnerte ich mich an Paulas Tipp und ging zu dem neu eröffneten Reisebüro. Ich denke mal, die meisten von Euch wissen, wie so ein Reisebüro aussieht. Von außen kann man in den Schaufenstern schon viele Prospekte sehen, und je nach Jahreszeit ist die Auslage dementsprechend dekoriert. Betritt man das Reisebüro, wird man von einem Berater angesprochen und der wälzt dann mit Euch die Kataloge, nachdem Ihr ihm Eure mehr oder weniger klaren Vorstellungen eines Urlaubs geschildert habt.


Ja und genau mit diesen Vorstellungen über ein Reisebüro machte ich mich auf den Weg in das Reisebüro mit dem interessanten Namen: ERWARTEN SIE DAS UNERWARTETE, BEI UNS MACHEN SIE DIE REISE IHRES LEBENS.


Reisebüro? Das ist hier ein Reisebüro? Wo sind die Schaufenster, wo sind die Kataloge? Lediglich eine sehr große Tür, anmutend wie ein Tor einer alten Ritterburg, wies mit o. g. Slogan darauf hin, dass ich hier doch wohl am richtigen Ort war. Zaghaft klopfte ich mit einem Türklopfer in Form eines Löwenkopfes an die Tür und sofort öffnete sich diese laut knarrend.


Ich befand mich in einem großen Raum, welcher mehrfach unterteilt war. Kleine Schilder hingen von der Decke herunter und darauf standen jeweils Abteilung Romantik, Abteilung Abenteuer, Abteilung Bildung, Abteilung Ungewisses. Na ja, wer mich kennt und weiß, dass ich zu allem bereit bin, wenn ich mich erst mal entschlossen habe, kann sich ja denken, welcher Abteilung ich gefolgt bin. Richtig: Ich bin in die Abteilung UNGEWISSES gegangen und damit nahm das Schicksal seinen Lauf.


Wortlos setzte ich mich auf den Stuhl und füllte ein Anmeldeformular aus. Nachdem dem äußerst attraktiven Mann, der mir das Formular ausgehändigt hatte, klar war, dass ich bereits Urlaub hatte und jederzeit aufbrechen konnte, fragte er mich eindringlich, ob ich wirklich zu allem bereit wäre und ob ich ihn als Reiseleiter akzeptieren würde. Der Mann veräppelt mich, dachte ich bei mir. Er fragt mich, ob ich ihn akzeptiere? Ich habe noch nie solche blauen Augen gesehen, klar wie ein Bergsee, in die ich schon beim ersten Blick vollkommen versunken bin. Stammelnd und zitternd machte ich ihm klar, dass es von mir aus sofort losgehen könnte. Ich hätte alle Unterlagen und Ausweise dabei und meine Reisetasche wäre schon gepackt. Die müsste ich nur noch von zu Hause holen. Es war nicht wirklich eine Überraschung für mich, als er mir mitteilte, dass ich meine Reisetasche nicht brauchen würde. Geld und Papiere würden reichen, für alles andere sorgt er. Das wichtigste wäre nur, dass ich ihm vertrauen müsste.


Lucas studierte meine Unterlagen noch einmal, begutachtete mich von vorne und von hinten und stellte einige seltsame Fragen. Dann meinte er zu mir (dass wir uns ab sofort duzen sollten, stand im Vertrag): „Ich nehme dich mit auf eine Verfolgungsjagd. Sie wird wohl durch mehrere Länder gehen und du sollst voll auf deine Kosten kommen. Erst einmal fahren wir nach Fürstenfeldbruck und Du machst einen Tandem-Fallschirmsprung. Das ist wichtig, denn wir werden das später noch einmal brauchen können.“ Ich schaute ihn zweifelnd an, denn das Wetter war alles andere als schön. Aber er meinte, ich müsste mir keine Sorgen machen. Er hätte mit dem Chef der Truppe gesprochen und der hätte vom Wetteramt grünes Licht bekommen. Bis wir dort sind, ist das Wetter klar.


In Fürstenfeldbruck auf einem Militärgelände angelangt, wurden wir schon von Paul und Michi, den Fallschirmspringern, und von Fred, dem Piloten, erwartet. Die Jungs wiesen uns ein. Wir bekamen einen orangefarbenen Anzug, eine Kappe und eine Brille und übten noch auf der Erde die Kommandos. Das geschah alles in höchster Konzentration, denn in 3000 Metern Höhe darf kein Fehler passieren. Lucas sollte mit Michi und ich mit Paul springen. Nachdem das Wetter aufgeklärt war, wurde es von Minute zu Minute schöner. Bis wir die Absprunghöhe von 3000 Meter erreicht hatten, dauerte es eine ganze Weile und so konnten wir bei klarer Sicht den Ammersee und auch den Starnberger See besichtigen und auch über das Kloster Andechs (berühmt für das gute Bier) sind wir geflogen.


Ein paar Daten zum Kloster Andechs:
Im Jahre 1455 gründete Herzog Albrecht III. das Benediktinerkloster Andechs. Mit den Jahren passierte dort einiges, unter anderem ein Blitzschlag im Jahre 1669. Ich möchte Euch jetzt nicht mit Jahreszahlen langweilen und die ganze Geschichte des Klosters Andechs erzählen, sondern nur etwas mehr auf die doch eher weltlichen Genüsse eingehen. Im Jahre 1846 kaufte König Ludwig I. von Bayern das Kloster Andechs. 25 Jahre später wurde das Brauhaus auf Dampfbetrieb umgestellt und 1906 wurde eine Mälzerei gebaut. Dieser erste Stahlbau in Deutschland ist heutzutage ein Industriedenkmal. Wie schon geschrieben, geht es im Kloster Andechs nicht nur um Bier und Schnaps, wenngleich man auch gelegentlich den Eindruck haben könnte. Denn egal wann ich dort immer war, jedes Mal drängte sich mir der Eindruck von Massentourismus und Massenabfüllung bzw. –abfütterung auf. Wer etwas Kunst und Kultur sucht: In den Räumen des Klosters und der Kirche bekommt man auch einen guten Überblick über die damalige Barock- und Rokokokunst.


Aber nun weiter zu meinem Erlebnis. Wir hatten endlich die 3000 Meter Flughöhe erreicht und nachdem Lucas und Michi abgesprungen waren, kam ich an die Reihe. Ich musste mich knapp an den Rand des geöffneten Flugzeuges setzen. Paul saß bzw. hing hinter mir. Er gab mir einen Schlag auf die Schulter, ich nahm Haltung ein und schon schwebten wir frei, horizontal in der Luft. Von 3000 bis 1500 Meter hinab war das nun der so genannte Freiflug, wo wir auch nichts sprachen, denn Paul musste sich auf alles Mögliche konzentrieren.

Bei 1500 Meter gab er mir wieder einen Schlag auf die Schulter und ich konnte mich erst mal auf seine Füße stellen. Und dann schwebten wir quasi stehend hinab und Paul erklärte mir die Landschaft. Es war schon ein berauschendes Gefühl. Im Freiflug hatte ich kurzzeitig das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Aber davor hatte mich Paul gewarnt. Jetzt im Stehflug waren wir auch nicht mehr so extrem aneinander gekettet und das Gefühl von Freiheit machte sich immer mehr in mir breit. Ein paar hundert Meter vor der Landung musste ich dann meine Knie anziehen, damit wir sitzend landen konnten. Paul erzählte, das würde zu Beginn immer so gemacht werden. Später könne man dann stehend, bzw. gehend landen.

Etwas blass um die Nase war ich hinterher schon und so fünf bis zehn Minuten lang verspürte ich noch ein leichtes Schwindelgefühl. Aber das Erlebnis war wirklich klasse und ich fragte mich, wenn das schon so losging, was noch kommen würde.


Mittlerweile hatte Lucas alles andere organisiert. Mit einem Porsche 911 fuhren bzw. flogen wir über die Autobahn in Richtung Holland. Jetzt endlich erzählte mir Lucas etwas über unser Reiseziel. Wir verfolgten ein Pärchen, welches verbotenerweise in der schottischen Heiratsschmiede „Gretna Green“ heiraten wollte. Der Vater des Mädchens war Multimillionär und er hatte Angst, dass seine Tochter einem Gigolo aufgesessen war. Damit die Hochzeit auch gültig war, mussten die beiden einige Monate in der Gegend gelebt haben und das ganze hinterher auf einem Standesamt bestätigen lassen.

Lucas hatte in Erfahrung gebracht, dass wir nur noch drei Tage Zeit hatten, das Pärchen aufzuhalten. Danach würde es zu spät sein. Spätabends gelangten wir nach Holland und fuhren sofort auf die Fähre, welche uns nach Großbritannien übersetzen sollte. Lucas meinte, mit dem Porsche wäre das dann kein Problem mehr, da würden wir Gretna Green noch rechtzeitig erreichen.


Kennt Ihr den Spruch „Der Mensch denkt und Gott lenkt“? Spätestens seit diesem Urlaub kenne ich ihn und bin immer und überall auf alles vorbereitet. Glaubt es oder glaubt es nicht, mitten auf dem Weg von Holland nach Großbritannien hatte die Fähre einen Motorschaden und wir hingen quasi auf dem Wasser fest. Lucas war natürlich verzweifelt. Schließlich hatte er nicht nur mir einen Urlaub ins Ungewisse versprochen, es stand auch eine dicke sechsstellige Prämie auf dem Spiel. Er musste also alles in die Wege leiten, um rechtzeitig in Gretna Green aufzutauchen. Und nun wurde mir auch klar, warum wir in Fürstenfeldbruck einen Tandemfallschirmsprung gemacht hatten.

Lucas brachte es tatsächlich fertig, über Funk und mit den Beziehungen des Multimillionärs einen Hubschrauber zu organisieren, welcher uns von der Fähre abholte und uns nach Gretna Green flog.


Bevor ich Euch die Geschichte weiter erzähle, nun aber erst mal ein paar Informationen zu Gretna Green.

Eigentlich war es ja eine Schmiedewerkstatt, bis es dann zum heimlichen Hochzeitsort für alle Verliebten wurde, die ohne Zustimmung ihrer Eltern heiraten wollten. Die Verliebten mussten mindestens 16 Jahre alt sein und zwei Trauzeugen haben. Gretna Green befindet sich in der Grafschaft Dumfries im schottischen Südwesten, recht nahe an der Grenze zu England. Seit ca. 1940 ist die Heiratsschmiede mehr eine Touristenattraktion, aber man kann dort immer noch heiraten (so wie es auch Joschka Fischer tat). Jedoch muss die Heirat hinterher bestätigt werden. Ich habe mir sagen lassen, dass es ein ziemlicher Papierwust ist und wenn man sich die Romantik behalten möchte, wäre es klug, vorher alles abzuklären. Sonst verliert man doch recht schnell die Lust dazu.


Nun aber wieder weiter zu meiner Urlaubsgeschichte:

Lucas hatte also den Hubschrauber organisiert und alsbald flogen wir davon, in Richtung Gretna Green. Das Wetter war mittlerweile ziemlich wüst. Es regnete und stürmte und war dermaßen windig, so dass der Hubschrauber nicht landen konnte. Es kam also, wie es kommen musste, wir mussten mit dem Fallschirm abspringen (was bei dem Wetter eigentlich verboten ist) und unser Gepäck sollte dann am nächsten Tag nachgeliefert werden.


Lucas war ja ein erfahrener Fallschirmspringer und so hing ich dieses Mal vor ihm. Denn Abenteuerlust hin und her, aber alleine konnte ich und wollte auch Lucas mich noch nicht springen lassen. Dieses Mal ging es nur von 2000 Meter Höhe hinab und es ging alles gut. Sonst könnte ich jetzt ja auch nicht an meinem Laptop sitzen und Euch diese Geschichte erzählen.


Erschöpft und durchnässt standen wir nun vor der Heiratsschmiede und harrten der Dinge. Irgendwann mussten das Töchterlein und der Gigolo ja auftauchen. Erst mal versuchten wir, uns den Schmied zum Verbündeten zu machen. Der war aber nun gar nicht begeistert, denn er hatte schon das Hochzeitszimmer zu einem sehr teueren Preis für die Hochzeitsnacht des Pärchens eingeplant und wollte sich das Geld nicht entgehen lassen. Außerdem war es ein ziemlich abergläubiger Mann. Er meinte, selbst wenn wir ihm das Geld ersetzen würden, könnte er sich nicht damit zufrieden geben. Seinem Haus und seiner Familie geht es nur gut, wenn er pro Monat mindestens ein Hochzeitspärchen in dem Zimmer hätte.


Was war zu tun? Es war ja auch schon der letzte Tag des Monats. Lucas und ich blickten uns tief in die Augen, ein wortloses Nicken und Verstehen. „Wir machen den Ersatz“, platzen wir gleichzeitig heraus und eine tiefe Röte überzog mein Gesicht. Aber erst mussten wir uns das Pärchen schnappen. Während wir abwechselnd duschten und von der Tochter des Schmiedes erst mal ersatzweise Trainingsklamotten bekamen (wir hatten ja unser Gepäck noch nicht), beobachtete der Schmied die Eingangstür. Und tatsächlich kamen sie auch bald darauf an.


Da das Pärchen es versäumt hatte, eigene Trauzeugen mitzubringen, konnte sie der Schmied etwas hinhalten, indem er versprach, ihnen welche zu besorgen. Lucas telefonierte derweilen mit dem Multimillionär, der auch schon unterwegs war. Nach einer Stunde kam er dann an und er hatte auch einen Kommissar dabei. Es hatte sich nämlich heraus gestellt, dass es sich bei dem Liebhaber der Tochter nicht nur um einen Gigolo, sondern auch noch um einen Serienkiller handelte. Er hatte sich in den letzten Jahren immer wieder an reiche, junge Frauen herangemacht und diese dann bald nach der Heirat umgebracht. Töchterchen fiel in Ohnmacht, der Killer wurde verhaftet, Lucas bekam seine sechsstellige Summe, und weil der Multimillionär so erleichtert und glücklich war, steckte er mir die gleiche Summe auch noch zu.


Der Multimillionär bot uns an, mit ihm in seinem Privatjet zurückzufliegen. Aber wir hatten bei dem Schmied ja noch ein Versprechen einzuhalten und dieser abergläubische Mensch hätte uns auch mit Sicherheit nicht wegfliegen lassen. Jetzt ging es erst mal darum, dementsprechende Hochzeitskleidung zu kaufen. Nicht Brautkleid und so, aber in geliehenen Trainingsklamotten wollten wir nun auch nicht dastehen. Lucas besorgte sich einen Kilt (ach, was sah er darin aber auch süß aus!) und ein schönes Hemd dazu und ich fand auch ein dementsprechend schickes Outfit, in dem wir schließlich in der Heiratsschmiede getraut wurden und nach einem Festessen im so genannten Hochzeitszimmer landeten.


Eigentlich hatte Lucas ja noch einige Abenteuer für mich geplant. Aber mit mehr als genug Geld in unseren beiden Taschen und verliebt bis über beide Ohren, kündigten wir beide per Telegramm unseren Job und machten uns auf in die Karibik.

Was wir beide dort alles erlebt haben, das könnt Ihr dann in einer anderen Reiseerzählung von mir lesen, irgendwann . . .


Anmerkung:

Es ist nicht alles erfunden. Einen Tandem-Fallschirmsprung auf dem Militärgelände in Fürstenfeldbruck habe ich wirklich gemacht. Es war ein Geburtstagsgeschenk meiner damaligen Geschäftspartner und es war genau so, wie ich es beschrieben habe. Ein wirklich gigantisches Gefühl der Freiheit.

Auch war ich schon mal in Gretna Green und habe dort im Zuge der Touristenattraktion geheiratet. Auf der Heiratskunde steht Souvenir hinten drauf und das Hochzeitszimmer haben wir (der damalige Busfahrer der Reisegruppe und ich) nur kurz angeschaut *g*.

Auch ein Porsche 911 ist mir nicht fremd, weil ein mittlerweile verstorbener Freund ein absoluter Porschefan war und ich somit auch des Öfteren in den Fahrgenuss kam.

In einem Hubschrauber bin ich bis jetzt noch nicht geflogen, dafür habe ich aber schon mal eine Karibikkreuzfahrt gemacht.


geschrieben 2003


gefunden auf einem Autobahnrastplatz 01/09


Ein kleines liebevolles Lächeln

 

Vor langer Zeit in einem fernen Land, war von einem Tag auf den anderen nichts mehr so, wie es einmal war. Scheinbar wusste keiner der Bewohner, warum plötzlich alles anders war. Vor dem Tag X konnten sich alle Bewohner des Landes miteinander unterhalten, egal auf welche Art.


Und wie es nun mal in einem Land mit verschiedenen Bewohnern ist, führte jeder die Kommunikation auf seine Art und Weise. Da gab es die Friedfertigen, die Diskussionsfreudigen, die Kämpferischen, die Hitzköpfe, die Liebenden, die Spaßvögel, die Diplomaten und natürlich auch ein paar (unfreiwillige) Narren.


Die Regierung war sich ebenso uneinig, wie sie auch unfähig war und hatte das Land durch seine Reformen in immer tiefere Schwierigkeiten gebracht. Die Opposition nutzte die Lage nicht aus, um es besser zu machen. Sie stach einfach noch tiefer in die vorhandenen Wunden hinein.


Weil alle Menschen in ihre Diskussionen und Streitigkeiten vertieft waren und deshalb nur noch einen Tunnelblick hatten, merkte keiner, dass ein Zauberer durchs Land zog und alle Kinder, wie damals der Rattenfänger von Hameln, mit sich nahm. Und weil die Kinder die einzigen im ganzen Lande waren, die noch vorbehaltlos mit einander sprachen, verstummte das Land plötzlich auf einen Schlag. Jeder erneute Versuch einer Kommunikation schlug fehl, weil durch Zauberei jeder eine andere Sprache und auch eine andere Schrift hatte.


Nun wütete und brütete jeder einzelne Erwachsene vor sich hin und gab natürlich nur den anderen und vor allem dem Zauberer die Schuld an dieser Lage. Kein einziger kam auf die Idee, einmal in sich zu horchen und nachzudenken, was er denn selbst verändern könnte. Denn wie in vielen anderen Ländern, waren die Bewohner zwar offiziell für Änderungen offen, aber wenn es darum ging etwas dafür zu tun, dachte jeder bei sich „ich alleine kann doch sowieso nichts ändern, also lasse ich es lieber gleich bleiben“.


So ging das nun wochen- und monatelang weiter und weil niemand mehr miteinander kommunizieren konnte, fehlte bald allen die Lust überhaupt irgendetwas zu machen und jeder verzog sich in sein zuhause. Bald lag die ganze Wirtschaft brach und weil niemand mehr aus dem Haus ging, wurden im Land auch keine Lichter mehr angeschaltet und alle Städte wirkten Tag und Nacht wie Geisterstädte. Jeder Fremde, der sich zufällig, wenn nicht gar aus Versehen, in das Land verirrte, flüchtete sofort wieder. Was soll er auch in einem Land, wo niemand in der Lage ist miteinander zu kommunizieren?


Die Kinder, die vom Zauberer in ein anderes Land entführt wurden, vergaßen bald ihre Eltern und fühlten sich sehr wohl. Ja, alle fühlten sich wohl, bis auf Aschaila und Jomino. Sie waren Teenager, die sich in der Blüte ihrer ersten Liebe zueinander befanden und trotzdem die Geborgenheit, die sie früher in ihren Familien verspürten, vermissten. Sehr oft überlegten sie gemeinsam nach einer Lösung und wagten es schließlich, den Zauberer um Audienz zu bitten.


Der Zauberer war an und für sich ein gütiger, alter Mann. Ihm war die Entscheidung zu handeln nicht leicht gefallen. Aber dem Rat der Zauberer war keine andere Möglichkeit eingefallen, die Bewohner des Landes aufzurütteln. Schließlich war er einverstanden, dass Aschaila und Jomino in das Land zurückkehren und versuchten, die Erwachsenen aufzurütteln. Er belegte beide mit dem Zauber des liebevollen Lächelns und schickte sie los.


Als Aschaila und Jomino schließlich ankamen, waren sie furchtbar erschrocken, über den wüsten Zustand des Landes. Erschüttert schauten sie sich an. Bevor jedoch vollkommene Verzweiflung aufkommen konnte, wirkte der Zauber und sofort wurde den beiden warm ums Herz. Zuerst machten sie sich daran, ihre beiden Familien aufzusuchen und alle an einen Tisch zu setzen. Dann begannen sie zu sprechen. Sie sprachen von Güte, von Verständnis, von Toleranz und von Hoffnung. Und während sie sprachen, schwebte der Zauber des liebevollen Lächelns um sie und plötzlich begannen die Erwachsenen zu verstehen und reichten einander die Hände. Nun waren sie schon eine Gruppe und zogen gemeinsam durch das Land, um es wieder lebenswert zu machen.


Und all das funktionierte nur mit einem kleinen, liebevollen Lächeln?


Ja, denn in diesem kleinen, liebevollen Lächeln steckten Verständnis, Respekt und Toleranz.

 

geschrieben 2004


gesehen auf dem Markt in Portoferraio 2008
Nie alleine

Annabelle betrachtet sich im Spiegel. Wie immer, gefällt ihr was sie sieht. Das liegt wohl auch mit daran, dass sie erst voll geschminkt so richtig in den Spiegel schaut. Während sie jeden einzelnen Aspekt ihres Make-ups überprüft, beginnt sie zu überlegen, wann sie ihren ersten Schminkkasten geschenkt bekommen hat.


Im Grunde genommen weiß sie, dass dies schon sehr lange her ist. Aber Annabelle wäre nicht Annabelle, wenn sie in diesem Punkt nicht gut im Verdrängen wäre. Sie hat sich und ihre derzeitigen Mitbewohnerinnen bezüglich ihres Alters schon so oft etwas vorgeflunkert, dass sie vermutlich ihr genaues Alter selbst nicht mehr kennt.

Manchmal stellt sie sich auch vor, sie sei eine von den "4400". Mit 30 Jahren wäre sie dann damals von den Außerirdischen entführt worden und nun, Jahrzehnte später, sähe sie immer noch wie 30 aus, weil ihr biologisches Alter durch diese Entführung aus den Fugen der irdischen Normalität geraten ist. Diese Vorstellung gefällt ihr schon alleine aus dem Grund so gut, weil sie nun ihrer Neigung, jüngeren Männern nachzujagen, voll ihren Lauf lassen kann und sich niemand mehr daran stören kann.

Wer zu Beginn aufgepasst hat, sollte sich daran erinnern, dass Annabelle auch Mitbewohnerinnen hat. Doch so einfach, wie der geneigte Leser das glauben möchte, stellt sich die Situation nicht dar. Doch davon später mehr. . . . .

Annabelle sieht also gut, nach ihrem eigenen Ermessen sogar zeitlos gut, aus. Sie steht auf jüngere Männer und ist mit einer mittleren Intelligenz gesegnet. Meistens wenn sie sich wieder supertoll und erfolgreich vorkommt, drängt Rosalinde ihr ein Gespräch auf. Diese Gespräche lösen bei Annabelle immer sehr gemischte Gefühle aus. Sie glaubt, es gibt auf der Welt wohl keine zweite Frau wie Rosalinde. Die nicht unhübsche, aber schüchterne Rosalinde ist eine Mischung aus Naivität, Charme, Dummheit und Herzlichkeit. Und jeder, der Menschen mit ähnlichen Charakterzügen in einer Kombination kennt, weiß wie schwer es ist, damit umzugehen. Man möchte solche Menschen gleichzeitig knuddeln, erschlagen und beschützen. Da Rosalinde aber Annabelle in deren Eitelkeit immer wieder unterstützt, ist sie für Annabelle dann doch eher ein willkommener, als ein ungebetener Gast. Die Beiden sind aber noch in einem anderen Punkt vollkommen unterschiedlich. Während Annabelle gerne flunkert, ist Rosalinde eine Wahrheitsfanatikerin.

Nun lieber Leser ist dir entweder langweilig, oder du stellst die folgende Frage: Was ist denn so schlimm dran, dass die Beiden so unterschiedlich sind?
Gemach, gemach! Etwas Geduld braucht es noch.

Gerade als Annabelle sich einen neuen Schachzug überlegt, wie sie den jungen, knackigen Kurt rumkriegen könnte, wirft ihr Ursula wie schon so oft vor, sie sei ein Flittchen. In Italien hätte man früher die Flittchen an Beton gekettet und ins Meer geworfen. Aber darüber ärgert sich Annabelle schon lange nicht mehr. Denn sie sieht Ursula, Hedwigs Mutter, mittlerweile als ihre Ersatzoma an. Na ja, eigentlich Ersatzmutter, aber wenn sie dies zugeben würde, dann müsste sie ja auch zugeben, dass sie im selben Alter wie Rosalinde und Hedwig ist. Im Grunde genommen ist sie das auch, aber darauf kommen wir noch später.

Da Annabelle mit ihrer Masche enormen Erfolg hat kann sie es sich leisten, immer wieder Männer abzulegen, wie ein Gewand, welches eher die Figur verschandelt als verschönt. Und diese abgelegten Männer möchte sie dann immer der vernünftigen Hedwig zuschustern. Aber Hedwig ist eine hochintelligente Frau und würde sich schon deshalb nie mit den abgelegten Ersatzteilen von Annabelle einlassen.

Aber nun genug geschwafelt! Kommen wir endlich zum Ausgangspunkt der Geschichte zurück!

Annabelle, endgültig zufrieden mit ihrem Outfit und ihrem Make-up, macht sich auf den Weg zu Dr. Duerf. Und nachdem sie es sich so richtig bequem gemacht hat, fragt Dr. Duerf mit leiser, sanfter Stimme:
"Und? Mit wem habe ich heute das Vergnügen? Mit Annabelle, oder mit Rosalinde, oder mit Hedwig, oder gar mit Ursula?"


geschrieben 2006