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Der geradlinige Ludwig



Ludwig ist schon seinLeben lang ein geradliniger Mensch. Leider aber auch im übertriebenen Sinne.Gut er ist geradlinig in seinem Charakter, sprich ehrlich, korrekt undverlässlich. Dies führt jedoch sein Umfeld nicht dazu, sich Sorgen um ihn zumachen. Was seiner Familie, seinen Freunden Sorge macht ist sein Spleen, dieGeradlinigkeit wörtlich zu nehmen.

 

Dies führte einstdazu, dass seine Mutter ihn bereits mit 17 aus dem Haus warf, weil er sämtlicherunde Tischdecken gerade schnitt, alle Tassen und Teller eckig schlug undüberhaupt alles übermalte und übertünchte, was auch nur den geringsten Ansatzvon runden Formen aufwies.

 

Aus diesem Grund liefihm natürlich auch jede Freundin davon. Denn er konnte deren runde Plüschkissennicht leiden und auch diverse runde Make-Up-Töpfchen verschwanden regelmäßig.

 

Ludwig ist übrigensschlank – sehr schlank! Schon möglich, dass es daran liegt, dass Kochtöpfe undPfannen in der Regel rund sind und ihm ein essen, zubereitet in runden Formenwiderstrebt. Deshalb kommen für ihn auch die meisten Joghurt-Becher nicht inFrage. Nur der Joghurt mit der Ecke ist in seinem Stamm-Supermarkt durchLudwigs Einkäufe regelmäßig ausverkauft.

 

Aus seiner letztenWohnung wurde er durch eine Räumungsklage und schwarze Sheriffs entfernt, weiler unter anderem den Ofen der, vom Vermieter bereit gestellten, Einbauküchewegen der runden Herdplatten mutwillig zerstört hat und es dabei solche Funkengab, dass ein Brand gerade noch verhindert werden konnte.

 

Heute ist Ludwig 60Jahre alt. Finanziell geht es ihm gut, weil er gut gespart hat und zwar nur dieGeldscheine. Die runden Münzen hat er immer sofort umgetauscht.

 

Er lebt jetzt ineinem ausrangierten Flughafen im obersten Stock. Da gibt es eine großeFensterfront, in schöne Vierecke unterteilt. Der Raum ist rechteckigausgerichtet, was Ludwigs Geradlinigkeit entgegenkommt. Eine Bankreihe, worauffrüher die Passagiere auf den Abflug warteten, ist das Highlight für ihn. Hierfindet man alle eckigen Formen, ob es nun die längliche Sitzbank oder dieviereckigen Polster sind.  Auf denPlakatständern, die auch noch aus Flughafenzeiten stammen, kann man Ludwigseckige, selbst gemalte Bilder erkennen.

 

Jedoch lässt er nursehr schlanke, männliche Besucher in seine Wohnung, da die natürlich rundlichenFormen der Frauen gegen seine Geradlinigkeit verstoßen.